Beitrag ursprünglich erschienen bei Freie Welt
Foto: Screenshot Youtube/phoenix
Kardinal Gerhard Ludwig Müller verbindet die Ausbreitung des Islam in Europa mit einer tiefen Identitätskrise des Westens, der seine christlichen Wurzeln preisgibt. Der emeritierte Präfekt der Glaubenskongregation sprach bei einer Tagung in Assisi über Säkularisierung, islamische Expansion und die Notwendigkeit, den missionarischen Kern des Christentums zurückzugewinnen.
Dem Kardinal zufolge durchlebt der Westen eine beispiellose Identitätskrise, die sich nicht allein durch äußere Bedrohungen erklären lässt. „Das Christentum im Westen wird nicht mehr nur von äußeren Kräften bedroht; es wird durch eine interne Apostasie untergraben“, erklärte er. Er verknüpft diesen Vorgang mit dem, was er den „Triumph des Posthumanismus“ nennt, einer „nihilistischen Ideologie“, die den Menschen von Gott emanzipieren will und dabei die Vorstellung vom Menschen selbst zerstört. Diese Sichtweise reduziere die Person „zu manipulierbarer Materie, zu einem Algorithmus zwischen Algorithmen“ und entziehe ihr die Würde eines Geschöpfes, das „im Bild und Gleichnis des Schöpfers“ gemacht sei.
Diese innere Schwächung falle mit der kräftigen Expansion des Islam zusammen, während westliche Gesellschaften jene religiösen Überzeugungen aufgeben, die sie historisch geformt haben.
Wer sich für seinen Glauben schämt, braucht nicht auf Respekt zu hoffen
Müller unterscheidet scharf zwischen Islam und säkularisiertem Westen. Der Islam „schämt sich nicht für Gott, schämt sich nicht für die Transzendenz“, auch wenn er „eine Anthropologie und Offenbarung vorschlägt, die sich radikal von denen des Christentums unterscheiden“. Gerade deshalb formulierte er eine seiner zentralen Warnungen: „Muslime respektieren ein schwaches Christentum nicht, das sich für das Kreuz schämt und sich auf eine Wohltätigkeitsorganisation oder eine Umweltaufsichtsbehörde reduziert. Sie respektieren diejenigen, die glauben.“
Das spirituelle Vakuum der Säkularisierung erlaube es dem Islam, manchen Europäern als „ein solider Fels“ zu erscheinen, besonders dort, wo versucht werde, „die menschliche Natur, Ehe, Leben und Tod neu zu definieren“. Die Antwort darauf sei klar: „Die Antwort auf den Nihilismus ist nicht der Fundamentalismus, sondern Christus, der inkarnierte Logos.“
„Interreligiöser Dialog“ ist ein Codewort für Appeasement gegenüber dem Islam
Einen zentralen Platz nimmt die Begegnung des heiligen Franziskus mit dem Sultan al-Malik al-Kamil ein. Müller weist Deutungen zurück, die diese Episode vor allem als Vorbild interreligiösen Dialogs oder des Pazifismus darstellen. „Eine gewisse sentimentale und relativistische Strömung hat St. Franziskus als Vorläufer des modernen Synkretismus, ein Prophet des pazifistischen Dialogs als Selbstzweck, in dem alle Religionen gleichwertig sind und keine die Wahrheit besitzt“, erklärte er. Diese Darstellung sei eine „historische und theologische Fälschung“.
Franziskus sei nicht gekommen, „um einen diplomatischen Salon einzuweihen oder ihn in seinem Glauben zu bestätigen“. Er sei von „Liebe zu Seelen und der unerschütterlichen Gewissheit bewegt, dass Jesus Christus der einzige Retter der Menschheit ist“.
Mission und Evangelisierung müssen wieder in den Vordergrund treten
Ein interreligiöser Dialog müsse Christen nicht zum Schweigen bringen über das, was sie für wahr halten. „Interreligiöse Dialoge, wenn sie authentisch und respektvoll gegenüber der Menschenwürde sein wollen, dürfen nicht darauf beruhen, die eigene Identität zu verbergen“, bemerkte Müller. Franziskus habe dem Sultan gerade deshalb Respekt erwiesen, weil er offen aus seinem Glauben sprach und bereit war, sein Leben für das zu riskieren, was er verkündete.
Diese missionarische Haltung wiederherzustellen sei entscheidend. „Es ist nicht nur gültig, sondern auch dringend und unverzichtbar“, erklärte er. Christliche Nächstenliebe gegenüber Angehörigen anderer Religionen könne nicht von der Verkündigung dessen getrennt werden, was die Kirche für wahr hält.
Wer die Vernunft verliert, verliert auch den Glauben
Müller verbindet die Säkularisierung mit einer umfassenderen Krise des Menschenbildes. „Der Westen hat seinen Glauben verloren, weil er seine Vernunft verloren hat“, erklärte er. Mit der Aufgabe des christlichen Glaubens seien auch grundlegende Kategorien der menschlichen Natur ins Wanken geraten. Die Alternative liege jedoch nicht in „einem Glaubensbekenntnis, das den Glauben von der Vernunft trennt oder die göttliche Allmacht als reine Willkür versteht“.
Europa müsse den Wert der Mission wiederentdecken. „Der Westen wird vor dem Posthumanismus gerettet und nicht von anderen Religionen assimiliert werden, wenn er den Wert der Mission wiedererlangt“, erklärte er.







