Beitrag ursprünglich erschienen bei Freie Welt
Syrien hat auf dem Weltverfolgungsindex, dessen Daten auf die NGO Open Doors zurückgehen, einen dramatischen Aufstieg erlebt. Das Land kletterte von Platz 18 im Vorjahr auf Rang 6 in der aktuellen Rangliste. Dieser Sprung um zwölf Positionen ist der höchste eines Landes in die Top 10 seit Jahren. Die Ursache liegt vor allem in einer starken Zunahme von Gewalt gegen Christen, bei der zahlreiche Kirchen beschädigt und Gläubige im Alltag massiv bedroht wurden.
Eine Welle der Gewalt bringt Syrien zurück unter die ersten zehn Länder des Weltverfolgungsindex. Die christliche Bevölkerung nimmt weiter ab, und die Situation der verbliebenen Christen ist aktuell schlechter als jemals zuvor.
Ein beispielloser Sprung in die Spitzengruppe
Mit einer Gesamtpunktzahl von 90 Punkten erreicht Syrien den höchsten Wert, den das Land je auf dem Weltverfolgungsindex erzielt hat. Es ist das einzige neue Land in den ersten zehn der Liste. Der Hauptgrund für diesen Anstieg war ein starker Anstieg im Bereich der Gewalt um neun Punkte von sieben im Vorjahr auf 16,1 Punkte. Dies kommt der maximal möglichen Punktzahl von 16,7 sehr nahe.
Zurück in die Top Ten durch eskalierende Gewalt
Zu der wiederauflebenden Gewalt zählten laut Open Doors Angriffe auf Kirchen sowie eine Zunahme der getöteten Christen. Im Juni 2025 kam es zu einem Selbstmordanschlag während eines Gottesdienstes in der griechisch-orthodoxen Mar-Elias-Kirche in Damaskus. Dabei wurden 22 Christen getötet, 63 weitere verletzt und das historische Kirchengebäude schwer beschädigt. Die syrische Regierung machte eine IS-Zelle für den Anschlag verantwortlich.
Im Berichtszeitraum von Oktober 2024 bis September 2025 wurden 27 syrische Christen aufgrund ihres Glaubens gewaltsam getötet. Die tatsächliche Zahl liegt wahrscheinlich höher. Im zwölfmonatigen Zeitraum davor gab es keine solchen Fälle. Zusammen mit den Angriffen auf Kirchen und der Zwangsschließung christlicher Schulen erklärt dies den starken Anstieg der Bewertung im Gewaltbereich. Der Gesamtanstieg der Punktzahl um zwölf Punkte zählt zu den größten jemals dokumentierten Zuwächsen innerhalb eines Jahres.
Verfassungsreform und Alltagsdruck verschärfen die Lage
Gewalt ist jedoch nur eine Facette der verschlechterten Situation. Die Übergangsverfassung vom März 2025 zentralisiert die Macht beim Präsidenten und legt die islamische Rechtsprechung als Hauptquelle der Gesetzgebung fest. In der frühen Phase nach dem Sturz von Assad bleibt die politische Macht fragmentiert. Der weit verbreitete Mangel an öffentlicher Ordnung schafft Raum für extremistische und militante Akteure, die Christen ins Visier nehmen. Neben der Zunahme der Gewalt kommt es zu verstärktem Druck in anderen Lebensbereichen.
Mit Lautsprechern ausgestattete Fahrzeuge fahren durch die christlichen Viertel von Damaskus und fordern die Bewohner auf, zum Islam zu konvertieren. An Kirchen werden Flugblätter angebracht, die von den Christen die Bekehrung zum Islam oder die Zahlung der islamischen Kopfsteuer, der Dschizya, verlangen.
Gleichzeitig wird das Bildungswesen nach islamischer Ideologie reformiert. Vorislamische Geschichte wird aus den Lehrplänen eliminiert, historisch bedeutsame Frauen entfernt und Koranauslegungen integriert, in denen Juden und Christen als die Verdammten und Verirrten beschrieben werden.
Unter der neuen islamistischen Machtelite: Christen als Menschen dritter oder vierter Klasse
Die Lage der Christen hat sich dramatisch verändert, weil die Macht im Land nun bei Islamisten, Dschihadisten und Salafisten liegt. Syrische Christen haben allen Grund zur Angst, auch wenn der neue Führer Al-Schar’a gelegentlich christliche Würdenträger empfängt. Die Islamisten verfolgen das Ziel, Syrien weiter zu islamisieren. Langfristig wird in einem solchen Syrien für Christen kein Platz mehr sein.
Al-Schar’a gibt sich zwar moderat, doch seine Umgebung, Minister, Bürgermeister, Polizisten und seine normalen Anhänger bleiben radikal und stellen eine ständige Bedrohung dar. Islamisten dulden das Christentum an sich nicht. Christen gelten als Menschen dritter oder vierter Klasse.
Das Schweigen des Westens: Geopolitik vor Menschenrechten
Von westlichen Politikern ist in dieser Angelegenheit kaum Unterstützung zu erwarten. Menschenrechte werden nur dann relevant, wenn sie geopolitischen Interessen dienen. Das war schon immer so und wird sich auch nicht ändern. Deshalb akzeptiert der Westen das neue Regime. Umso wichtiger ist es, dass Menschenrechtsorganisationen, Journalisten und die Zivilgesellschaft auf die Missstände aufmerksam machen. Auch die Kirchen müssen lauter werden.







